Unsere Telefonkosten für Oslo

Vor vielen Jahren bekam ich mal eine Platte geschenkt. Auf dieser waren etliche damals bekannte Songs. Doch beim ersten Reinhören dann die große Enttäuschung. Auf der Platte waren nur Coverversionen – von unbekannten Sängerinnen und Sängern nachgesungene Hits.
So ähnlich dürften sich etliche Zuschauer nach der gestrigen Sendung „Unser Star für Oslo“ auf Pro7 gefühlt haben. Wer auf eine Show ähnlich dem Bundesvision Song Contest gehofft hatte, durfte gestern enttäuscht worden sein.

Billiges Rezept inklusive Abzockrufnummern
Das Rezept war lieblos und einfallslos: Man nehme DSDS, streiche die Shows bis inklusive der Recalls weg, verzichte darauf, die weniger begabten Kandidatinnen und Kandidaten ins Lächerliche zu ziehen, nehme als Vorbild die bewährten mit Werbung verseuchten Shows aus dem Hause Pro7 inklusive teurer 01379-Mehrwertrufnummern, kloppe noch 10 lommelige Smartphones und (nur?) 1 Auto raus und fertig ist das Konzept.
Dann setze man noch eine butterweiche Jury vor das Publikum und lasse die Kandidatinnen und Kandidaten irgendwelche bekannten Hits nachsingen.
Um das angeblich hohe Niveau zu unterstreichen, wird ein Marius Müller Westernhagen als Jurymitglied gewonnen. Ein Raab betont, dass die „Kritiken“ schon Meckern auf hohem Niveau seien. Und es wurde darauf geachtet, dass es nicht unerwähnt blieb, dass diese Kandidatinnen und Kandidaten sich NIE auf eine „normale“ Castingsendung beworben hätten. Doch dies hier sei ja etwas besonderes, da es auf einem höheren Niveau ablaufen würde.
Das mit dem Niveau erinnerte mich an eine Folge der britischen Sitcom Coupling, wo die Theorie geäußert wird, wenn eine Frau nur oft genug das Wort „nackt“ verwendet (mindestens 3 mal), dass dann die Libido eines jeden Mannes stimuliert werden kann – unabhängig vom Zusammenhang. So dachten sich das wahrscheinlich auch die Verantwortlichen der gestrigen Sendung: Fällt nur oft genug das Wort „Niveau“ in der Sendung, sollte das dazu beitragen, genau dieses zu heben. Doch was in einer Sitcom einen lustigen Charakter trägt, ist in einer einfallslosen Castingsendung nur peinlich.

Vertane Chance
Dabei hätte so schön sein können, einen Star aus 20 Kandidatinnen und Kandidaten für Oslo zu küren. Denn, besinnen wir uns, was war bisher der Charme des Eurovision Song Contests oder des Bundesvision Song Contests? Menschen die gerade auf der Bühne stehen, dabei ein Mikro halten und einen bekannten Song covern können? Sicherlich nicht! Der Charme bei den Formaten sind Bands, Interpreten, Künstler, die etwas Eigenes auf die Bühne bringen – vielleicht sogar (mutig) in deutscher Sprache. Es sind deren Ideen gepaart mit Begabung und Können, was uns begeistert. Das Gesamtpaket muss stimmen.
Dass das Prinzip „Komponist schreibt Song – unbekannte/-r Künstler/-in trägt ihn vor“ schon lange nicht mehr zieht, bewiesen uns schon oft genug Ralph Siegel und Konsorten.
Daran ändert auch nichts, dass der Zuschauer per Telefon und SMS abstimmen kann. Was am Ende herauskommen wird, ist ein zusammengevotetes Ergebnis aus Interpret und Song. Auf diesem Weg ein gelungenes Gesamtpaket zu finden, welches dann in Oslo die anderen Länder überzeugen kann, wird schwierig werden. Die ehemaligen DSDS-Gewinner und deren heutige „Erfolge“ sollten uns doch Warnung genug sein.

Kostenhinweis oder Mückenschiss?
Das Abstimmen erfolgte dann für solche Pro7-Formate gewohnt über kostenpflichtige 01379-Mehrwertrufnummern.
Das sind die Rufnummern, bei denen eigentlich immer erklärend dabeistehen sollte, was ein Anruf oder eine SMS kostet. Doch dies konnten die Zuschauer dank unleserlicher kleiner Schrift, die eher an den berühmten Mückenschiss erinnern als an die sonst üblichen Kostenhinweise wie „50 Cent je Anruf über das Festnetz, Mobil noch viel viel mehr“ nur erahnen. Platz genug für eine größere und leserliche Schrift war vorhanden – genutzt wurde er jedoch nicht. Zeitgleich war die Pro7-Teletextseite zu der Sendung nicht erreichbar. Auf der Sendung-begleitenden Webseite „www.unser-star-fuer-oslo.de“ sucht man bis dato ebenfalls vergebens nach den Kosten für einen Anruf. Ein Schelm wer hier Böses denkt.
So mancher Zuschauer wird sich dann beim Studieren der nächsten Telefon- oder Handyrechnung überrascht die Augen reiben, was ihn der Spaß, unseren Star für Oslo zu finden, am Ende gekostet hat.

Fazit: Dafür haben wir GEZahlt!
Schlechtes Konzept, teure Mehrwertrufnummern, viel Werbung – und dies alles mitfinanziert durch unsere Gebühren und damit auf unsere Kosten.
So haben wir Zuschauer uns die Zusammenarbeit zwischen ARD und Pro7/Stefan Raab nicht vorgestellt.
Und sollte sich Deutschland im Mai in Oslo wieder auf einem der hinteren Plätzen wiederfinden, was ich natürlich nicht hoffe, wer wird wohl dann aus der Versenkung auftauchen und seine Genugtuung lauthals in der Presse kund tun? Ein Tip: Schlussmachen mit dieser Person kostet nur 19 Cent für eine SMS (aus dem Festnetz viel viel mehr).

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