Interview mit der Deutschen Krebshilfe

Vor einigen Wochen kritisierten wir hier in einem Beitrag „Tschernobyl – erst kam die Strahlung, dann kamen die Gaffer“ den Katastrophentourismus in die Sperrzone rund um Tschernobyl.

Eine unserer Leserinnen, die selber als Touristin in das Unglücksgebiet gereist war, hat in einem Kommentar zu unserem Beitrag folgende Aussage getroffen:

„hätte man sich sachkundig gemacht, wüßte man, das das geld, das eine reise nach tschernobyl kostet, gerade eben jenen angesprochenen einrichtungen [die Deutsche Krebshilfe oder ähnliche Einrichtungen, Anm. von IchBlogDich] zu gute kommt.“

Wir wollten das genauer wissen und haben die Deutsche Krebshilfe um ein Interview gebeten. Frau Dr. Eva Kalbheim, Pressesprecherin der Deutschen Krebshilfe war so freundlich, unsere Fragen zu beantworten.

IchBlogDich: Sehr geehrte Frau Dr. Kalbheim. Welche Aufgaben bestreiten Sie bei der Deutschen Krebshilfe?

Dr. Eva Kalbheim: Seit Juni 2000 bin ich Pressesprecherin und Bereichsleiterin Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Krebshilfe in Bonn.

IchBlogDich: Im Rahmen eines früheren Beitrags, in dem wir den Katastrophentourismus in das Unglücksgebiet um Tschernobyl kritisiert haben, kam von einer unserer Leserinnen, die selbst als Touristin Tschernobyl besucht hat, die Aussage auf, dass das Geld für diese Ausflüge in das Sperrgebiet nach Tschernobyl u.a. der Deutschen Krebshilfe zugute käme. Gibt es offizielle Kooperationen zwischen den Reiseveranstaltern bzw. der Behörden die diese Reisen genehmigen und/oder organisieren und der Deutschen Krebshilfe?

Dr. Eva Kalbheim: Solche Kooperationen sind uns nicht bekannt.

IchBlogDich: Wie sehen Sie die Reisen in das Katastrophengebiet nach Tschernobyl? Trägt diese Art des Tourismus in Ihren Augen dazu bei, den Opfern der Tschernobyl Katastrophe zu helfen?

Dr. Eva Kalbheim: Ich bin hier etwas skeptisch, denn der Verdacht liegt nahe, dass mit dem Elend der Betroffenen voyeuristisch umgegangen wird. Wenn jedoch tatsächlich Hilfsaktionen für die Opfer in der ehemaligen Sowjetunion initiiert werden, ist dies sicherlich eine gute Sache.

IchBlogDich: Hat die Katastrophe von Tschernobyl die Arbeit der Deutschen Krebshilfe verändert? Wenn ja, inwiefern

Dr. Eva Kalbheim: Die Deutsche Krebshilfe hat Forschungsprojekte unterstützt, die sich mit der Frage auseinandersetzten, ob die radioaktive Belastung durch den Fallout zu erhöhten Krebsraten geführt hat. Es konnte nachgewiesen werden, dass insbesondere die Rate von Schilddrüsenkrebs deutlich angestiegen ist. Zum Teil sind russische krebskranke Kinder auch mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe in deutschen Krankenhäusern im Rahmen klinischer Studien behandelt worden.

IchBlogDich: Recherchen nach wurde Österreich besonders hart vom Fallout getroffen. Es sollen bisher bis zu 1700 Menschen an den Folgen des Fallouts gestorben sein. Gibt es ähnliche offizielle Zahlen für die Bundesrepublik Deutschland?

Dr. Eva Kalbheim: Da wir in Deutschland noch keine flächendeckende Krebsregistrierung haben, sind solche Aussagen schwierig zu treffen. Nähere Auskünfte erteilen das Robert Koch Institut (http://www.rki.de) und die Gesellschaft epidemiologischer Krebsregister in Deutschland (http://www.gekid.de).

IchBlogDich: Wie hilft die Deutsche Krebshilfe den Opfern der Tschernobyl Katastrophe?

Dr. Eva Kalbheim: Die Deutsche Krebshilfe unterstützt Forschungsprojekte, die einerseits dazu dienen, die Entstehung von Krebs aufzuklären, und andererseits mit dazu beitragen, die Behandlung von Krebs zu verbessern. Dies kommt im letzten auch denjenigen Menschen zugute, die aufgrund von Katastrophen ein erhöhtes Krebsrisiko haben oder von Krebs betroffen sind. Wer durch eine Krebserkrankung in finanzielle Not geraten ist, kann beim Härtefonds der Deutschen Krebshilfe eine (einmalige) finanzielle Unterstützung beantragen. Ratsuchenden steht der Informations- und Beratungsdienst der Deutschen Krebshilfe schriftlich oder telefonisch zur Verfügung.

IchBlogDich: Welche aktuellen Projekte hat die Deutsche Krebshilfe zurzeit laufen, die besondere Unterstützung bedürfen?

Dr. Eva Kalbheim: Die Deutsche Krebshilfe setzt sich dafür ein, dass die Krebsbehandlung in Deutschland flächendeckend standardisiert wird. Dazu dient eine Ausschreibung für die Förderung von bis zu fünf onkologischen Spitzenzentren, in denen Forschung und Klinik vernetzt werden und die Patienten interdisziplinär nach neusten Erkenntnissen behandelt werden. Nähere Infos dazu:
http://www.krebshilfe.de/neu/presse/pm-detail.php?Nr=844

IchBlogDich: Wie kann man als Normalbürger die Arbeit der Deutschen Krebshilfe unterstützen?

Dr. Eva Kalbheim: Die Deutsche Krebshilfe finanziert all ihre Aktivitäten, die unter dem Motto „Helfen. Forschen. Informieren.“ stehen, durch freiwillige Zuwendungen aus der Bevölkerung. Öffentliche Mittel stehen ihr nicht zur Verfügung. Daher ist sie auf Spenden angewiesen, aber auch auf Erbschaften, Vermächtnisse, Kondolenzspenden, Aktionserlöse und Jubiläumsspenden. Eine kontinuierliche Unterstützung erfährt die Deutsche Krebshilfe auch durch die Förderer des Mildred Scheel Kreises (Jahresbeitrag mindestens 50 Euro, nähere Infos: http://www.krebshilfe.de/neu/msk/tochterins_msk.html ).

IchBlogDich: Wir danken Ihnen, dass Sie sich Zeit für unsere Fragen genommen haben.

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