Nach Amoklauf in Winnenden – Pietät der Stadt Stuttgart versus Kreismeisterschaft der Sportschützen

Letzten Freitag standen Teilnehmer des E-Sport-Turniers in Stuttgart vor verschlossenen Türen. Der Grund: Die Stadt Stuttgart untersagte als Teilhaber des Veranstalters in.Stuttgart dem Betreiber Turtle Entertainment GmbH das Turnier. In einer Presse-Information heißt es dazu:

„Angesichts der Ereignisse und dem schrecklichen Amoklauf in Winnenden und Wendlingen, bei dem 15 Menschen getötet wurden, können wir eine solche Veranstaltung derzeit in unserer Stadt nicht akzeptieren“, sagt Stuttgarts Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster. „Wir sind das den Familien, Angehörigen und Freunden der Opfer schuldig.“

In einem kurzen Telefonat mit dem Sprecher von in.Stuttgart wird Pietät gegenüber den Angehörigen der Opfer als Hauptgrund für die Absage genannt.

E-Sport NEIN – Kreismeisterschaft JA
Ein E-Sport Event, auf dem unter anderem Ego-Shooter gespielt werden, kurz nach einem Amoklauf zu veranstalten klingt wirklich pietätlos. Doch wie sähe es mit einer Kreismeisterschaft der Sportschützen aus? So kurz nach einem Amoklauf, bei dem durch die Waffen eines Sportschützen 16 Menschen ihr Leben verloren, klingt dies undenkbar. Doch das ist es nicht.
Seit März finden im Raum Stuttgart die Kreismeisterschaften 2009 der Sportschützen statt. Laut Veranstaltungskalender wurde nur drei Tage vor dem Amoklauf noch mit großkalibrigen Waffen um die Wette geschossen. Bei der Waffe, mit der Tim K. 15 Menschen brutal das Leben entriss, bevor er sich selber richtete, handelte es sich um so eine großkalibrige Waffe des Fabrikats Beretta.
Und nach dem Amoklauf?
Wir schreiben den Veranstalter an:

Haben Sie in Anbetracht des Amoklaufs in Winnenden vom 11.3. Änderungen bei der Kreismeisterschaft 2009 vorgenommen, geplant oder wurde gar über eine Unterbrechung oder einen Abbruch der Meisterschaften nachgedacht?

Doch wir erhalten keine Antwort, der Veranstalter schweigt sich aus.
Das fröhliche Ballern im Rahmen der Kreismeisterschaft 2009 geht weiter – noch bis in den Mai. Pietät gegenüber den Angehörigen? Wohl nicht!

Daher wollen wir von der Stadt Stuttgart wissen, warum eine E-Sport Veranstaltung abgesagt werden muss, aber eine Kreismeisterschaft der Sportschützen weiter stattfinden darf. Der Pressesprecher teilt uns mit,

„die Veranstaltung wurde nicht untersagt. Ordnungsrechtlich gäbe es es wohl auch nur wenig Handhabe, dies zu tun. Sie wurde vielmehr durch den stadteigenen Veranstalter abgesagt.
Die Stadt hätte auch von ihrer Zuständigkeit nicht über Computerspiele oder Waffenrecht zu befinden, sie kann sich nur ordnungsrechlich oder hier eben in ihrer Rolle als Hallenvermieter positionieren.“

Die Stadt Stuttgart bzw. ihr Oberbürgermeister können keinen Einfluss auf eine Kreismeisterschaft nehmen, die direkt in der Stadt Stuttgart stattfindet? Es fällt einem schwer dies zu glauben. Kennt etwa auch die Pietät Grenzen?

Mit Sturmgewehren und Sniper-Waffen gegen Papierscheiben
Dass gerade das Schießen mit großkalibrigen Waffen unter dem Deckmantel des sportlichen Schießens mehr Aufmerksamkeit finden muss, zeigt ein Beitrag des Politmagazins Panorama (Link zum Video auf YouTube, Link zum Beitrag auf Panorama.de). Laut deren Recherche sind Opfer durch Sportschützen oder durch Waffen, die im Rahmen des „sportlichen Schießens“ angeschafft wurden, weniger selten als bisher von der Öffentlichkeit angenommen:

Mai 1991 Lübeck 1 Toter
Mai 1992 Gifhorn 3 Tote
Dezember 1993 Bamberg 5 Tote
Dezember 1994 Prittriching 6 Tote
Dezember 1994 Wallhausen 2 Tote
Mai 1996 Remseck-Hochberg 2 Tote
Juni 1998 Ribnitz-Dammgarten 3 Tote
Juli 1999 Schwerin 1 Toter
November 1999 Bad Reichenhall 5 Tote
April 2001 Upgant-Schott 2 Tote
April 2002 Erfurt 17 Tote
Juli 2003 Retzow 2 Tote
November 2003 Reinheim 2 Tote
Oktober 2004 Siegelsbach 1 Toter
Mai 2007 Berlin 1 Toter
März 2008 Deggendorf 3 Tote
September 2008 Oberhausen 2 Tote
April 2008 Aachen 1 Toter
Dezember 2008 Rheine 4 Tote
März 2009 Winnenden 16 Tote
Quelle: Panorama

Die meisten der Opfer und deren Angehörige hatten nicht das „Glück“ der Medienpräsenz und deren Aufmerksamkeit. Zu wenig Opfer – zu wenig spektakulär.

Forderungen der Angehörigen
In einem offenen Brief der Angehörigen von fünf Opfern des Amoklaufs in Winennden heißt es zu dem Thema „Schusswaffen und Sport“:

Wir wollen, dass der Zugang junger Menschen zu Waffen eingeschränkt wird. Die derzeitige gesetzliche Regelung ermöglicht die Ausbildung an einer großkalibrigen Pistole bereits ab dem 14. Lebensjahr.
[…]
Grundsätzlich muss die Frage erlaubt sein, ob der Schießsport nicht gänzlich auf groß-kalibrige Waffen verzichten kann. Bis in die achtziger Jahre hinein genügten unseres Wissens nach den Sportschützen kleinkalibrige Waffen. Bis heute sind die olympischen Wettkämpfe auf Luftdruck- und Kleinkaliberwaffen beschränkt.

Tatsächlich dürfen Kinder mit Sondergenehmigung schon ab dem 12. Lebensjahr mit einer Waffe sportliches Schießen trainieren.
Tatsache ist auch, dass das Töten mit kleinkalibriger Munition kaum möglich ist. Hätte Tim K. keine Beretta sondern „nur“ eine Kleinkaliberwaffe für seinen Amoklauf zur Verfügung gehabt, hätte es mit großer Wahrscheinlichkeit bei ähnlichem Tatverlauf zwar Verletzte aber keine Toten gegeben.

Fazit
Ein harmloses E-Sport Turnier wird abgesagt und damit die Chance vertan, dass sich besorgte Eltern über diese Art Medien direkt vor Ort ein eigenes Bild machen können.
Eine Kreismeisterschaft jedoch, bei der ähnlich großkalibrige Waffen zum Einsatz kommen, wie eine, die beim Amoklauf von Winnenden 16 Menschen tötete, findet weiterhin statt. Während die Angehörigen der Opfer von Winnenden ihren Toten das letzte Geleit geben, küren Sportvereine ihre Schützenkönige.
Dies lehrt uns: Die Fahne der Pietät wird auf den Rücken derer gehisst, die keine Lobby haben.

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5 Antworten zu Nach Amoklauf in Winnenden – Pietät der Stadt Stuttgart versus Kreismeisterschaft der Sportschützen

  1. Pingback: “Die Linke” spinnt total und fordert Waffenverbot in Privathaushalten | Reizzentrum

  2. Wilderer sagt:

    Soso,

    Sturmgewehre in Deutschland?
    Darf niemand haben, auch wenn Panorama das behauptet.

    Sniper-Waffe?
    Hört sich so schön martialisch an, ist aber nix anderes als ein Gewehr mit 0815-Zielfernrohr.

    Kleinkaliber ist nicht tödlich?
    Tut mir leid, aber dass ist mehr als ausgemachter Blödsinn…

  3. Christian sagt:

    Leute, hört doch auf, gegenseitig auf Euch rumzuhacken. Sportschützen wollen es auf Computerspieler abwälzen, Computerspieler auf Sportschützen. Wir sitzen aber alle im selben Boot. Wir sollen für etwas verantwortlich gemacht werden, was ein Einzelner getan hat. Wir dürfen uns auch nicht noch gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben, das wollen die Politiker doch nur. Dann verbieten sie die eine Sache (die mit weniger Wiederstand) und beim nächsten Amoklauf verbieten sie das andere auch.

    Und gerade als Computerspieler einen Beitrag von Panorama und ähnliches Magazinen für seriös zu halten ist doch sehr fragwürdig.

  4. Pingback: Amoklauf in Landshuter Landgericht: Sportschütze richtet Blutbad an « Ich Blog Dich!

  5. Gerhard sagt:

    Der Einstieg in den Schießsport erfolgt meist mit zehn bis zwölf Jahren. Kinder unter zwölf Jahren benötigen neben der Einverständniserklärung ihrer Erziehungsberechtigten eine Ausnahmegenehmigung. Wir legen großen Wert auf einen verantwortungsvollen Umfang mit unseren Sportgeräten. Dabei ist es egal ob es sich um Luftdruck-, Kleinkaliber- oder Großkaliberwaffen handelt. Ein direkter Treffer kann bei allen Waffen tödlich enden. Das gilt übrigens auch für Baseball- oder Golfschläger. Wir Sportschützen sind nicht bereit nach jedem Amoklauf irgendeines Geistesgestörten weiteren unsinnigen Einschränkungen unserer Sportart zuzustimmen nur um in der Öffentlichkeit gut dazustehen. Das wäre reiner Populismus.

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